Garantiert kein Glücksversprechen! Nur solange der Vorrat reicht! -
Hans Jürgen Lechtreck

Glückliches Spiel - Stefan Rasche

HEINZ oder es gibt sie, die Gründe, mit dem Malen nicht aufzuhören -
Ruppe Koselleck

Alles Theater! - Wolfgang Türk

 


„(…) zu seinen Füßen entdeckte er drei Dinge: ein Kastanienblatt; ein Stück von einem Taschenspiegel; eine Kinderzopfspange. Sie hatten schon die ganze Zeit so dagelegen, doch auf einmal rückten sie zusammen zu Wunderdingen. (…)“
Peter Handke, Die Stunde der wahren Empfindung, Frankfurt/M. 1975, S. 81

Dr. Hans-Jürgen Lechtreck, Essen
Garantiert kein Glücksversprechen! Nur solange der Vorrat reicht!
Anmerkungen zu den Rauminstallationen von Gertrud Neuhaus

Der „Warenkorb“, den das statistische Bundesamt seiner Verbraucherpreisstatistik zugrunde legt, enthält eine repräsentative Auswahl derjenigen Waren und Dienstleistungen, die von deutschen Haushalten gekauft, konsumiert und in Anspruch genommen werden. Dabei besitzt der Begriff eine Anschaulichkeit, die an einen ganz bestimmten Menschen und seine täglichen oder wöchentlichen Einkäufe denken lässt. Bei einem Blick auf den „Erhebungskatalog“, der die Zusammenstellung dieses „Warenkorbes“ festschreibt, will es jedoch nicht gelingen, sich eine Familie oder Einzelperson vorzustellen, von der die Gesamtheit oder auch nur die überwiegende Zahl der darin verzeichneten „Güter“ nachgefragt wird: „Brötchen zum Fertigbacken“, „Scanner, Laserdrucker, Digitalkamera“, „Blutdruckmessgerät für das Handgelenk“, „Preselection-Tarife“, „Monatsbeitrag für den Kinderkrippenbesuch“, „Ambulante Pflege, Essen auf Rädern“, „Pizzaservice“ und „Sonnenstudio“. Zu verschieden sind die Bedürfnisse, die beispielsweise von high- tech-Geräten auf der einen Seite und sozialen Dienstleistungen auf der anderen Seite befriedigt werden.

Genau diese Personalisierung von Waren (und Dienstleistungen), die bei der Lektüre des amtlichen „Erhebungskatalogs“ ebenso wenig gelingen will wie in den Gängen zeitgenössischer Supermärkte, unternimmt Gertrud Neuhaus mit ihren Objekten und Rauminstallationen, für die sie gefundene Alltagsgegenstände, Verpackungen, alte Möbel und Stoffe verwendet, die von ihr bearbeitet und um eigene Bilder ergänzt werden.

Das Installationsprojekt Edeltraut erinnert an Momentaufnahmen einer möblierten Wohnung, die erst vor kurzem und nur vorübergehend verlassen wurde. Wie in früheren, raumbezogenen Arbeiten hat die Künstlerin hier ein Arrangement geschaffen, das als „ein eingefrorener Zustand“ erscheint, so „als wäre es gerade noch bewegt worden“ (Gertrud Neuhaus). Das scheinbar Zufällige und Beiläufige zielt darauf ab, die künstlerische Gestaltung der einzelnen Gegenstände und ihrer Zusammenstellung nicht sofort sichtbar werden zu lassen: „Das macht man ja auch zu Hause so: Man stellt hier etwas hin, man stellt da etwas hin.“ Gertrud Neuhaus hat deshalb ihre Vorgehensweise einmal als „einrichten“ beschrieben. Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es sich nicht um die Rekonstruktion oder realistischen Fiktion einer privaten Sphäre – eines „Zuhause“ – handelt, sondern um einen „Kunstraum“, der sich konsequent jeder anekdotischen Lesart verweigert.

Die Rauminstallationen von Gertrud Neuhaus sind formal und farblich durchkomponierte, begehbare Bilder, die darauf abzielen, dass sich der Besucher durch sie hindurch bewegt und dabei das Zusammenspiel ihrer wiederkehrenden Formen und Farben beobachtet: Da war doch schon mal ein dunkler Schrank, ein bestimmtes Grün (oder Gelb), ein ähnlicher Zusammenklang zweier Farben!

Großen Anteil an dieser Wirkungsweise haben  insbesondere die zahlreichen Einzelobjekte, die Bestandteil der Installationen sind und schnell übersehen werden können (Einige von ihnen gehören zum festen Repertoire der Künstlerin und werden von ihr in immer neue Zusammenhänge gestellt). Die Künstlerin stellt sie aus Massenprodukten oder Verpackungen von Massenprodukten her, deren Form- und Farbwerte sie durch Übermalungen und Umkehrungen, Paarbildungen und Reihungen abstrahiert. Gleichwohl bleibt die Beschaffenheit des Ausgangsmaterials soweit sichtbar, dass der Betrachter sie erkennen und mit bestimmten Warengruppen und Marken in Beziehung setzen kann.

Ein weiteres Kompositionsprinzip sind gerade demonstrativ vorgeführte Maßstabswechsel und Größenunterschiede. Für Edeltraut und für die etwas frühere Installation Hedwig, die 2004 anlässlich der Ausstellung Wochenmarkt im Westfälischen Kunstverein in Münster gezeigt wurde, hat Gertrud Neuhaus Puppengeschirr und Puppenmöbel verwendet, und sowohl hier als auch in ihren anderen raumbezogenen Arbeiten finden sich Kombinationen von formgleichen oder annähernd formgleichen großen und kleinen Alltagsgegenständen.

Auch die weiblichen Vornamen in den Werktiteln dürfen keinesfalls biografisch gedeutet werden. Sie gehören vielmehr zu dem von der Künstlerin verwendeten Wortmaterial ihrer Objekte, das aus den Übermalungen hervorgehobenen oder veränderten Markennamen und Beschriftungen der diesen Objekten zugrunde liegenden Massenprodukten und Verpackungen gebildet wird und ebenfalls häufig aus Vornamen besteht: „Margot“ (Alkohol), „Marlene“ (Marmelade), „Markus“ (Kaffee).

Mehr noch als die ihrerseits durch Übermalung hervorgehobenen Form- und Farbwerte der Objekte ist dieses Wortmaterial ein Indiz für die ironische Grundhaltung, die Gertrud Neuhaus gesamte künstlerische Tätigkeit kennzeichnet und sich gegen diejenigen Glücksversprechungen der bildenden Kunst wendet, die denen der Werbung immer ähnlicher geworden sind. Mogelpackungen werden zu minimalistischen Skulpturen, leere Glaskonserven verwandeln sich in kinetische Objekte und gestische Malerei rückt in die Nähe eines mit Farben verschmutzten Bettlakens.

Ihre Objekte und Rauminstallationen erzeugen eine ästhetische Erscheinung, in der das normierte Design der Massenprodukte, ihr alltäglicher Gebrauch  und das Repertoire der bildenden Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts so beweglich  über- und nebeneinander angeordnet sind, dass das „So tun, als ob“ der Werbung, die Wohnkultur anonymer Privatpersonen und die Tätigkeit der Künstlerin wie in einem Kaleidoskop, das der Betrachter vor seinem Auge hin- und herdreht, beständig in- und übereinander fallen und plötzlich zu leuchten beginnen: und mit einem Mal ist das Gold der Markenzeichen, der Batterien, Kaffeesahnedöschen, Halsmanschetten von Bierflaschen etc. kein Talmi mehr, sondern ermöglicht „Stunden der wahren Empfindung“ – auch wenn es sich längst nicht mehr um goldene Zeiten handelt.

Für den Katalog Edeltraut 2005
zurück

 

Dr Stefan Rasche, Berlin
GLÜCKLICHES SPIEL

Gertrud Neuhaus arbeitet mit Material, das sie findet, nach dem sie sucht: Möbel, Stoffe, Gegenstände, Waren und Produkte des alltäglichen Gebrauchs. Aus solchem Repertoire   leitet sie meist ortsbezogene Installationen her. Diese zeigen sich von einer ebenso komplexen wie prekären Ordnung, merkwürdig eingefroren im Zustand des Vorläufigen, Provisorischen, und doch sind sie von kompositorischen Prinzipien sichtbar durchdrungen. Denn die Verwandlungen, die die Künstlerin an den Dingen erprobt, beruhen zu allererst auf bestimmten, wiederkehrenden, formalen Operationen: das Stapeln und Aufreihen ähnlicher Objekte, das Übermalen und Abstrahieren von Verpackungen und Etiketten, das Herausstellen von Formverwandtschaften ungleicher Gegenstände – nicht zuletzt führen solche und andere Handlungen dazu, dass Sinn und Funktion der Bestandteile immer wieder empfindlich verändert werden. Was somit von Mal zu Mal entsteht, sind eigensinnige, sperrige Raumbilder, verwirrend zunächst in ihrer formalen und semantischen Vielfalt. Je länger man sie jedoch betrachtet, ihre Details studiert und ihren Verästelungen folgt, desto deutlicher zeigen sie ihren inneren Bauplan, ihre dramaturgische Struktur, die sich aus Sammlungen und Streuungen, aus Verlangsamungs- und Beschleunigungsstellen, aus präzisen Setzungen ebenso wie aus Brüchen und unbestimmten Zwischenräumen ergeben.  

Über die Jahre ist so ein großer, stetig wachsender Fundus an Objekten entstanden, die manchmal als Requisiten ihren festen Platz in einer bestimmten Inszenierung haben, manchmal als bewegliches Inventar von Raum zu Raum weitergereicht werden – oder gar den Status von Einzelstücken erhalten, die auch separat in Erscheinung treten können. Dies gilt etwa für die Birne als Birne, die in ihrer Klarsichtbox zur „Kellerlampe“ wird, für das kleine, grimmige Monster aus gestapelten Keksen oder „Die Schüssel zum Glück“, ein Objekt aus leeren, vorwiegend blauen Pappaufstellern, deren Beschriftungen in die kuriose Sprachwelt der Markennamen und Werbeversprechen führt. Wie hier reichen oft schon minimale Manipulationen, um den Gegenständen eine völlig neue Geltung zu geben, sie umzudeuten und aus den starren Bezügen bloßer Zweckdienlichkeit zu befreien.  

Und auch die Fotografie spielt in diesem Prozess der Weitergabe und Verwandlung immer wieder eine Rolle – etwa dann, wenn Gertrud Neuhaus Details früher Inszenierungen mit der Kamera festhält und an anderer Stelle neu arrangiert. Entstanden ist auf diese Weise eine Wand aus kleinformatigen, goldgerahmten Fotos, wobei jede Aufnahme für sich genommen den Charakter eines sorgsam arrangierten Stilllebens hat. Wir sehen zum Beispiel einen grünen Plastikaschenbecher voller Cashewkerne, dahinter eine braune, zylindrische Kerze, ferner zwei gleichgroße, kreisrunde Objekte: eine Baumscheibe und einen mit grünem Filz beklebten Untersetzer, auf denen ein Schokoladenmaikäfer, eine Portionspackung Kaffeesahne und eine leere, gläserne Gewürzdose drapiert sind. Zusammen ergeben sie ein karges Ensemble, eine Situation wie aus einer Gartenlaube oder einem Hobbykeller, eben dort, wo lauter ausrangierte Gegenstände ihr zweites, etwas freudloses Dasein fristen.

Zugleich aber hat Gertrud Neuhaus mit diesem Arrangement ein Gruppenbild von zwingendem Farb- und Formbezug geschaffen, das fast wie eine „sacra conversazione“ strengen kompositorischen Prinzipien unterliegt. Von hier zum gemalten Stillleben ist es dann nur ein kleiner Schritt, und tatsächlich ist zuletzt eine Reihe von Papierarbeiten entstanden, die Blumentöpfe – einzeln oder in überschaubaren Gruppen – vor monochromer Fläche zeigen. Auch hier geht es um Muster und Farbigkeit, um die Relation von Oberfläche und Volumen, darum, sich der einfachen, verfügbaren Gegenstände malerisch zu vergewissern. Dafür greift Gertrud Neuhaus bevorzugt auf solche Motive zurück, die sie als reale Objekte bereits in ihren Installationen verarbeitet hat, so dass die Malerei – analog zur Fotografie – immer auch der Reflexion und Verdichtung schon erprobter, vertrauter Sachverhalte dient.

Andererseits spielt das Malerische auch jenseits klassischer Bildformate eine bedeutende Rolle im plastischen Werk der Künstlerin, sei es als farbige Fassung von Oberflächen, etwa von Bier- und Shampooflaschen, sei es als raumschaffende Wandmalerei eines perspektivisch fluchtenden Schlafzimmers, als Imitat einer Mauer aus Glasbausteinen oder – vor allem – als Textur jener Vorhangstoffe, die Gertrud Neuhaus wiederholt verarbeitet hat. Dabei ist der Vorhang schon für sich betrachtet ein komplexes Motiv, nicht nur als Gestaltungsmittel im Innenraum, wo er als Lichtschleuse dient und fremde Blicke abhält, sondern auch als spezieller Topos der Malereigeschichte. Hiervon berichtet eine berühmte Künstlerlegende der Antike: der Wettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios, bei dem es Letzterem gelang, ein Stück Stoff so täuschend echt zu malen, dass sein Kontrahent danach griff, um es in Erwartung eines dahinter befindlichen Bildes zur Seite zu ziehen. Aber der (gemalte) Vorhang war das Bild selbst – und erzeugte dadurch eine vollkommene Augentäuschung.

Wenn Gertrud Neuhaus den Vorhang nun ihrerseits zur Bildfläche macht, indem sie ihn mit Mustern und Figuren – seinem Faltenwurf entsprechend – bemalt, so verfügt sie damit über ein sehr reales Element, das sie raumdramaturgisch auf vielseitige Weise verwenden kann. Denn die große, bewegte, farbige Fläche lässt sich separieren und integrieren; sie setzt der Ansammlung von kleinen Details eine monumentale, wenn auch leichte Form als Blickfang entgegen, die ebenso der Verhüllung wie der Offenbarung dienen kann. Das große Spektrum solcher Einsatzmöglichkeiten zeigt sich mit Blick auf zwei Inszenierungen der letzten Jahre: einerseits die Arbeit für das Foyer der Städtischen Bühnen Münster, wo ein dunkel gemusterter Vorhang den Hintergrund abgab für eine strenge, farbreduzierte Reihung von Schränken und Elektrogeräten, auf denen vereinzelt Topfpflanzen standen, andererseits das „Stillleben“, wo eine nunmehr unbemalte Gardine aus weißer Gaze einer Sammlung von Gegenständen soweit „vorgehängt“ war, dass nur eine schmale Zone zum Boden unverhüllt blieb.      

Während der Vorhang am ehesten an einen privaten Wohnraum (aber auch an eine Bühne) denken lässt, erinnern andere Installationen in ihrer Gesamterscheinung stärker an einen Marktstand oder einen Kiosk, an improvisierte Verkaufsstellen also, wo auf Tischen und Regalen sonderbare Sortimente feilgeboten werden. Denn ohne Frage hat Gertrud Neuhaus ein besonderes Gespür für die ambivalente Ästhetik der Warenwelt, für Super- und Wochenmärkte, für das Schöne, Bunte und Verheißungsvolle, aber auch für die Schäbigkeit, die der Kommerz überall hervorbringt. Dann wieder haben ihre Inszenierungen mit dem Vergnügen von Kindern zu tun, sich auf engstem Raum einen Laden oder eine Bude einzurichten, wobei den verfügbaren Gegenständen in diesem Bauprozess ganz neue Funktionen und Bedeutungen zugedacht werden. Auch gehört hierher der wertschätzende Sinn für die Kostbarkeit, die gerade den bescheidenen Materialien innewohnt – etwa den Verpackungen von Pralinen, die im Licht ihren goldenen Glanz verströmen. Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn Gertrud Neuhaus eine alte Kaffeemaschine mit einem gemalten Dekor aus feinem Rankenwerk versieht oder einen ganzen Boden wie im Schlaraffenland aus Tafeln heller und dunkler Schokolade gestaltet. Dann wird der Umgang mit den Dingen zum glücklichen Spiel, ein Spiel am Rande des Alltäglichen, mit dem sie der zweckbestimmten Welt ganz neue, ungeahnte Optionen abgewinnt.

Für den Katalog Es war Romantik 2011
zurück


Ruppe Koselleck
Heinz
oder es gibt sie die Gründe, mit dem Malen nicht aufzuhören

Gertrud Neuhaus zählt zu den konsequentesten Vertretern des Post-Pop. Ihr gelingt es die immergleichgesichtigen, seriellen Oberflächen aus der Welt der Massenproduktion zu einzigartigen, poetischen und malerischen Positionen zu verwandeln. Zu wunderschönen Präpositionen einer unaufdringlichen Konsumkritik, die alles andere als angepasst erscheint. Gleich ob sie aus Schokoladen Teppiche legt oder aus dem traditionellen Ketchup das Schriftbild von HEINZ selbst freistellt  -  Ihre Arbeit zeichnet sich durch eine ebenso radikal freie wie präzise Malerei aus. Gleich ob uns ihre Kunst als Installation oder Objekt oder als eine Intervention im öffentlichen oder teilöffentlichen Raum im Supermarktregal begegnet - alle Ausdrucksarten ihres Schaffens sind immer auch Malerei. In der Übermalung einer Kaffeemaschine - mit nicht weniger als eben einer Kaffeemaschine ! - werden grenzsynästhetische Wahrnehmungen ruchbar, gelingt ihr eine Synthese aus Malerei und Objekt. Und das ganz ohne den zugehörigen Kaffee. Konsequenterweise mündet ihre Arbeit in der Entwicklung kategorial zeitloser Stillleben, deren elastisches Momento Mori selbstbewusst den Tonnenbergen von Plastikmüll entgegentreten wird. Denn was wird von unserer Gegenwart bleiben? Kein postmodernes Stahl und Betongebäude, Atommüll sicherlich und dazu noch eine PET Flasche von "Vitell" vielleicht, sowie Spuren von einer Malerei, wie Gertrud Neuhaus sie versucht. Die von allen Trends unbeeindruckt arbeitende Künstlerin destilliert mit ihrer Malerei aus dem Seriellen das Einzigartige heraus, als lege sie die Seele einer seelenlosen Produkthülle frei. Und das geschieht ohne den Pathos meiner Worte, ohne den Kitsch nahe liegender und kostenloser Kritik am maroden System des Kapitalismus. Ihre Stillleben werden diese Welt vielleicht nicht verändern, ihre Zeit jedoch sicherlich überdauern.

Für den Meisterschüler 2011
zurück


Dr. Wolfgang Türk
Alles Theater!     

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Birgt unsere Realität vielleicht theatrale Qualitäten, über die der vordergründige Blick zumeist achtlos hinweggleitet? Sind wir alle Regisseure unseres eigenen Da-Seins, unbewusst die Banalität des Alltäglichen in Szene setzend? Gertrud Neuhaus hat in ihren Arbeiten stets der strikten Trennung von Kunst und Leben misstraut, jener behaupteten Widersprüchlichkeit von vermeintlich echter Tatsächlichkeit und kunstvoller, damit zugleich künstlicher Fiktion. An den Schauplätzen vorstädtischen Wohnens entdeckte sie schon früh durchkomponierte bisweilen sogar begehbare Bilder als Ausdruck eines – bewusst intendierten oder rein zufälligen – Kunstwollens, einer geheimen, manchmal unausgesprochenen aber auch offenkundigen Stilisierung der heimischen Sphäre. Ihre Fotografien menschlicher Behausungen entlarven dabei die Bühnenwirksamkeit der geschauten Szenarien: Die gereihten Siedlungshäuser mit ihren akkurat umzirkelten Vorgärten, die Fensterbänke mit dem Arrangement der Blumentöpfe unter den sorgfältig gerafften Stors, schließlich die Einblicke in die Beschaulichkeit kleinbürgerlichen Wohnens entbergen in der fotografischen Reproduktion theatralische Stimmungsvaleurs, die – zwischen gemütvoller Heimeligkeit und sublimer Bedrohung oszillierend – die unbestimmte Erwartung eines eintretenden Geschehens, eines sich ausrollendes Handlungsablaufs dramatisch suggerieren.

Es ist nur folgerichtig und konsequent, wenn Gertrud Neuhaus den aufgedeckten Kompositionsmustern der geschauten Wohnwelten eine installative Realität zu verleihen versucht und die wahrgenommenen Versatzstücke und Requisiten in eigenen Bildern nachstellt oder neu arrangiert. Zusammengesetzt aus Fundstücken des Wohnens und seriell hergestellten Massenprodukten konstituieren ihre Installationen kleine Ausschnitte eines denkbaren, aber real nicht existierenden Behaust-Seins, das sich in der Ambivalenz von angenommener Wirklichkeit und gestalteter Künstlichkeit spannungsreich inszeniert. Was sich zunächst wie ein Sammelsurium des Zufälligen ausnimmt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein gewolltes Zusammenspiel wiederkehrender Farben und Formen, das eine traditionelle Gattung der Malerei, das Stillleben, ironisch aufbricht und hinterfragt. Hat nicht jedes Objekt, gleich ob es praktikabler Benutzbarkeit oder dem rein dekorativen Zweck dient, eine Daseinsberechtigung, die es bildwürdig machen kann? Vermögen Komposition und kontextuelle Einbindung auch den banalsten Gegenstand im oder zum Kunstwerk adeln? Es ist eine Welt ver-rückter Maßstäbe und Wertigkeiten, die Gertrud Neuhaus in der Gleichstellung und unparteiischen Anordnung der Sachen einrichtet: das gewichtige Möbel erhält – den anpreisenden Schaubildern eines Werbeprospekts ähnlich – den gleichen Stellenwert wie die Nippesfigur, der Wegwerfartikel die gleiche Bedeutung wie die Grünpflanze. Das reihende Arrangement, das selbstbewusste Defilee der ehedem degradierten, der Entsorgung überantworteten Einrichtungsrequisiten, ist Ausdruck einer paritätischen Behandlung der Gegenstände und damit eine Absage an gesellschaftlich konfektionierte Bewertungen, an Sehgewohnheiten, die graduelle Abstufungen und Bedeutungshierarchien der Betrachtung als Skala anlegen.

 Zugleich nachgestellte Wirklichkeit wie artifizielle Installation spielt Gertrud Neuhaus mit dem Widerspruch von Authentizität und Simulation: Weder als Wohnraum nutzbar noch einem traditionellen Kunstwert verpflichtet, verharren ihre gebauten Bilder im Zustand einer Unentschiedenheit zwischen Innen- und Außenraum, privater und öffentlicher Sphäre, Der Vorhang, als bloßer Stor oder gewebter Stoff, immer wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten der Künstlerin, situiert auf den Fotos den Betrachter als Außenstehenden, in den Installationen dagegen als potentiellen Bewohner, der beim Auseinanderziehen der drapierten Stoffbahnen einen unerwarteten Ausblick zu erhoffen wagt. Die Aussicht aber wird enttäuschen, der Vorhang ist bloße Attrappe, er schützt genauso wenig vor dem vermuteten Lichteinfall eines dahinter liegenden Fensters wie die gemalten Glasbausteine eine transparente Stabilität versprechen oder die aus Restmüll gefertigten Beleuchtungskörper den Raum erhellen können. „Alles Theater!“ ist jener augenzwinkernde Kommentar der Künstlerin, die mit den maskierten oder zugepflasterten Konterfeis, über denen sich eine buntfarbene Papiergirlande als karnevalistisches Relikt drapiert, den Betrachter auffordert, Schein und Sein, Ernst und Spiel nicht nur als temporäre Größen einer verordneten Lustigkeit miss zu verstehen, sondern sie als jederzeit wahrnehmbare Konstituenten unser aller Tagtäglichkeit zu entlarven.

zur Eröffnung der Installation Alles Theater!  im Foyer des Theater Münster, 2006
zurück